Erfahrungsbericht
– das Stotterer-Training ...
...
kam so plötzlich in mein Leben, dass ich erst jetzt richtig
begreife, was sich mir da für eine Chance offenbart hat. Dennoch
spüre ich, dass das genau der richtige Zeitpunkt war, etwas
Derartiges zu erleben.
Um
das, was für mich dort passiert ist, verständlicher zu machen,
muss ich etwas weiter ausholen.
Ich
stelle mir schon sehr lange immer wieder dieselbe Frage: wie
kann es sein, dass ich, als selbstbewusster junger Mann, die
1996 in Bonn erlernten, normalerweise gut greifenden Sprechtechniken
einfach nicht in den Alltag umsetzen kann?
Es
war immer wieder die gleiche Situation: der Björn saß 20 Minuten
an seinem Lesetext, übte die schon längst perfekt erlernten
Sprechtechniken, ging dann zum Telefon, rief den unfreiwilligen
Übungspartner an, und als der dann abhob, sprang der Hebel
im Kopf um. Welcher Hebel?, wird sich jetzt vielleicht
der oder die eine oder andere fragen. Der für mich allesentscheidende
Hebel ist hier gemeint, der Hebel, der unter anderem schon
immer verhinderte, dass ich mich auf mein Sprechen verlassen
konnte.
Es
gibt in meinem Kopf und somit auch in meiner Sprechmotorik
genau zwei Arten zu sprechen: entweder super angespannt und
hilflos oder einfach nur flüssig. Leider schaffte ich es nie,
den Hebel zwischen „ja, die Techniken funktionieren“
und „nein, die Techniken können nicht funktionieren“,
willentlich umzulegen. Somit richtete sich mein Sprechverhalten
immer nach der Laune meines Unterbewusstseins, die meistens
schlecht war. Und das, obwohl ich alles getan hatte, was ich
konnte.
Ich
bin kein Profi im Analysieren der menschlichen Psyche, aber
ich mache mir besonders seit einem Jahr sehr viele Gedanken
darüber, wie es auf psychischer Ebene zu erklären ist, dass
ich funktionierende Techniken habe, die nur dann funktionieren,
wenn dieser Hebel im Kopf auf „ja!“ eingestellt ist.
Vor einem Jahr nämlich hat sich
bei mir folgendes ereignet: ich fing mal wieder intensiver
an, mich um eine Verbesserung meines Sprechens zu bemühen.
Ich erreichte – durch eine weitere ambulante Therapie – auch
eine Verbesserung, die mein Unterbewusstsein ganz strikt mit
sehr heftigen Depressionen belohnte. Ich hatte auf einmal
Panikattacken, hatte Angst vor meinem eigenen Spiegelbild,
meiner eigenen Stimme, vor allen Dingen, die mich irgendwie
nach vorne bringen könnten.
In
den Jahren meiner Pubertät hatte ich öfters mal den sehr penetranten
Gedanken, mein Leben vorzeitig zu beenden, weil es sich mir
so schwarz darstellte – und dieser Gedanke kam auf einmal
zurück. Das war vor ziemlich genau einem Jahr, und ich fühlte
mich sehr hilflos.
Ich
redete hauptsächlich ganz lange mit meiner Mutter darüber,
aber irgendwie half mir das auch nicht so viel weiter. Ich
hatte Angst, verrückt zu werden, redete mir sehr lange ein,
bereits verrückt zu sein. Denn mein Leben stellte sich mir
sehr surreal vor, das heisst ich erlebte alles wie hinter
einer dicken Panzerglasscheibe.
Alle
meine Leute schienen kilometerweit von mir entfernt zu sein,
ich war mit mir alleine – immer! Ich konnte vor mir nicht
fliehen, fürchtete mich vor meinem eigenen Bewusstsein. Ich
fuhr überall hin, Hamburg, Schweden, Berlin... mein Bewusstsein
war immer bei mir und jagte mir Angst ein.
Ich
meldete mich bei einer Psychologin an, bei der ich immer noch
überflüssigerweise auf der Warteliste stehe (es haben halt
viele Leute Probleme mit sich selbst).
Aber
gleichzeitig hatte ich auch die größten Erfolgserlebnisse,
die man sich überhaupt vorstellen kann: ich schrieb eine Hausarbeit
für die Uni: 1,3 (die erste „1“ seit der Grundschule!), ich
absolvierte ein sehr gutes Praktikum bei der Taz-Ruhr-Redaktion,
bekam dort ein supergutes Zeugnis, das wirklich nicht alle
bekommen. Ich erlebte allerlei Fortschritte mit meinem Stottern...
Aber
die ganze Zeit, das ganze Jahr 2000, kam mir mein Leben wie
ein einziger Traum vor. Zwar ein größtenteils schöner Traum,
aber dennoch furchteinflössend, weil ich nicht aufwachen konnte.
Und immer die Angst, tatsächlich verrückt zu werden, durchzudrehen
und irgendetwas zu tun, was nicht mehr rückgängig gemacht
werden konnte. Immer die Angst, dass sich der Traum in einen
Albtraum verwandeln könnte.
Ich
versuchte, die Angst aufzuschreiben, sie auf Tonband zu sprechen,
ich versuchte, mit einigen Leuten darüber zu reden – aber
nichts hinderte meinen Kopf daran, ständig in Panik auszubrechen.
In
meiner Not besuchte ich dann im Spätherbst einen Psychologen
des Studierendenhauses an der Uni. Bei ihm bekam ich nicht
einen Ton heraus, und ich fühlte die ganze Zeit, dass im Prinzip
diese Sitzungen überhaupt nichts bringen. Weil das Problem
woanders lag.
Und irgendwann unterhielt ich mich
abends beim Bier mit einem guten Kumpel, der mir schon länger
mal etwas von seinem „geistigen Stottern“ erzählen wollte.
An diesem Abend packte er aus, was er damit meinte: er sagte
mir, dass er manchmal so komische Vorstellungen in seinem
Kopf hätte, was das für Vorstellungen waren, sage ich jetzt
hier nicht. Ist ja auch nicht wichtig.
Er
sagte, die Vorstellungen seien schon jahrelang dort drinnen,
und er hätte die ganze Zeit Angst gehabt, ein Psychopat zu
sein. Gefährlich zu sein. Er hätte lange versucht, sich damit
abzufinden, dass er einfach total durchgeknallt sei, und dass
er diese Vorstellungen wohl akzeptieren müsste. Bis er durch
einen Zufall an ein Buch gekommen sei, das (glaube ich) „Was
machen Sie, nachdem Sie guten Tag gesagt haben?“ hiess. Dieses
Buch ist (glaube ich) von jemandem namens Bern, und in ihm
ist die sogenannte Skripttheorie erklärt, die beschreibt,
warum wir Menschen Dinge tun, die uns gar nicht so bewusst
sind. Wir haben vorgeschriebene Regeln in unseren Köpfen,
die zumeist gegen uns arbeiten. „Skripts“ nennen sich diese
Regeln.
Mein
Kumpel erzählte und erzählte, er berichtete mir von „Verliererskripts“
und von Menschen, die sich selbst bestrafen müssen (beispielsweise
mit Selbstverletzung durch Rasierklingen oder so etwas), weil
es ihnen eine Zeit lang gut ging.
Tja,
und da ging mir ein Licht auf: können meine Ängste / Traumwahrnehmungen
/ Depressionen daher kommen, dass ich Anfang des Jahres eine
Veränderung angestrebt habe, die mein Unterbewusstsein so
nicht haben wollte?
Ja!
Mir wurde in den Tagen danach immer mehr bewusst, was überhaupt
mit mir los ist: ich lebe seit zwei Jahren selbständig, ohne
meine Eltern, in Eigenverantwortung. Ich mache Erfolge in
der Uni, beim Wing Tsun (chinesische Kampfkunst) etc. – und
jetzt noch das Stottern verändern?
All das arbeitete gegen meine „Verliererskripts“,
gegen die Strukturen in meinem Kopf, die mir unter anderem
sagten und sagen:
1.
Du bist auf deine Eltern angewiesen. Du kannst nicht selbständig
leben.
2. Alle
Veränderungen ins Positive bedeuten Schmerzen. Am wohlsten
fühlst du dich, wenn du dich im Selbstmitleid suhlen kannst.
3. Im
Grunde bist du auf der Welt, um ständig auf die Schnauze zu
fallen und dir Gedanken zu machen.
4.
Alle Versuche, etwas gegen das Stottern zu unternehmen, scheitern.
Mir
wird seitdem immer klarer, dass diese „Verliererskripts“ gegen
mich arbeiten, dass sie nicht zulassen wollen, dass ich gewinne,
dass ich mich verändere, dass ich mein Stottern loswerde...
Seitdem ich das weiss, ist die Angst, richtig verrückt zu
werden, nicht mehr ganz so gross. Denn seitdem habe ich einen
Gegner und muss jetzt nur noch einen Weg finden, ihn zu besiegen.
Ich glaube, ihn gefunden zu haben.
Ich
habe versucht, darauf einzugehen, indem ich mir dachte: du
musst diese vernichtenden Strukturen doch ändern können! Aber
ich wusste nicht wie. Ich unterhielt mich oft mit diesem besagten
Kumpel, der unter dem „geistigen Stottern“ leidet, stand und
stehe in regem Emailkontakt mit einer um 13 Jahre älteren
Frau, die sich ebenfalls schon lange mit der Skripttheorie
auseinandersetzt – alles half ein bißchen, aber eben nicht
genug.
Zwischendurch
passierten noch einige dramatische Geschichten, die hier aber
den Rahmen sprengen würden. Ich veränderte meine Ansichten
zu einem Großteil, versuchte, für alles offen zu sein, was
mir über den Weg lief. Und dann lief mir tatsächlich etwas
über den Weg: das Stotterer-Training.
Hans
lud mich Ende Februar 2001 auf ein kostenloses Seminar ein,
aus heiterem Himmel. Mittwoch hatte ich davon gehört, Donnerstag
hatte ich mich im Internet informiert, Freitag angemeldet,
und Sonntag saß ich dann schon mit anderen Kursteilnehmern
in einer netten Kneipe in Lüdenscheid.
Am
Montag ging es dann los, und erst da wurde mir richtig bewusst,
dass dieses Seminar haargenau in meine Gedanken hineinpasst,
es war so, als hätte es genau jetzt kommen müssen. Ohne die
depressiven Anfälle seit Anfang 2000 und die genau entgegensteuernden
Erfolge in meinem restlichen Leben hätte ich nie mit meinem
Freund darüber geredet, hätte mir nie Gedanken über die Strukturen
in meinem Kopf gemacht, hätte dann wohl auch nicht so spontan
das Seminar von Hans Liebelt besucht – weil ich vielleicht
viel zu skeptisch gewesen wäre.
Das
war also die Vorgeschichte, und jetzt folgt der Erfahrungsbericht.
Als
Van Riper-„Sklave“ bekam ich ja am Montag erstmal einen Schock,
als Hans sagte, dass es nicht sein Ziel sei, das Stottern
zu akzeptieren, sondern er sagt, sein Ziel sei, möglichst
immer fliessend zu reden. Und er sei sich auch vollkommen
sicher, dass wir alle das könnten. Weil: in den Momenten,
in denen wir nicht übers Stottern nachdenken, sind wir flüssig.
Wir können perfekt Selbstgespräche führen oder uns etwas vorlesen,
können uns mit unseren Haustieren unterhalten und so weiter.
Er
geht davon aus, dass das Stottern hauptsächlich ein mentales
Problem ist, und dass man durch mentales Training die alten
Strukturen, die uns zum Stottern zwingen, überlernen kann.
(Ich hoffe, dass ich die Grundzüge seines Ansatzes richtig
referieren kann, denn die menschliche Psyche ist ja doch ziemlich
kompliziert und daher auch nicht ganz so leicht zu erklären.)
Wir
waren ja alle mal Kinder, und für diese Kinder hat es wohl
irgendwann mal einen Grund gegeben zu stottern. Diesen Grund
gibt es nun nicht mehr, und eigentlich müssen wir nicht mehr
stottern. Um das aber zu begreifen, müssen wir nach und nach
auf den Grund, den das Kind damals hatte, kommen – um dem
Kind dann auch zu sagen, dass dieser Grund nicht mehr existiert,
dass es nun erwachsen werden und aufhören kann zu stottern.
Hans
hat folgende Gleichung aufgestellt: Wer stottert, atmet
nicht und wer nicht atmet fühlt nicht. Wenn wir nicht
atmen müssen, müssen wir nicht fühlen, was käme da eher gerufen
als ein Block?
Wir
haben also erstmal eine wunderbare Art zu atmen gelernt, die
sog. Flankenatmung, bei der es darauf ankommt, möglichst viel
Luft in die Seiten zu atmen und sie sofort wieder gleichmässig
ausströmen zu lassen. Es ging ziemlich schnell, bis wir mit
dieser Art zu atmen sehr flüssig waren. Ich war am Montagmorgen
noch ziemlich „blockbestraft“, aber als ich dann die neue
Art zu atmen hatte, konnte ich eigentlich sofort flüssig reden.
Der Hebel war umgelegt, er sagte mir jetzt: „Ja, du kannst
/ darfst flüssig reden!“ Und das tat ich dann auch.
Der
Vorteil am fließenden Sprechen ist – neben dem fließenden
Sprechen an sich –, dass man viel besser auf seine Gefühle
achten kann, wenn man sich nicht bei jedem zweiten Wort mit
den Blocks herumquälen muss. Und das war es ja, was wir machen
wollten: wir wollten uns unsere Gefühle ansehen, um wie gesagt
auf den Kern unseres Daseins zu stoßen, dorthin, wo der Grund
für die Beibehaltung unseres Stotterns liegt.
Die
andere Sache war, dass wir positive Sätze an die Hand bekamen,
mit denen wir die alten Strukturen überlernen können. Eine
von meinen bösesten Strukturen ist zum Beispiel dieses „Siehst
du? Schon wieder ein Rückfall! Du packst es nicht!“ Das ist
ja das Fatale an den Menschen, die ein Verliererskript mit
sich herumtragen: sie sind Seiltänzer ohne Sicherheitsnetz,
die beim ersten Fehler mit dem Kopf auf den Boden knallen
und sich danach dreimal überlegen, ob sie noch einmal hochklettern
sollen.
Die
anderen Menschen, die Menschen mit Gewinnerskripts, haben
dieses Sicherheitsnetz, und sie denken sich: „Dann klappt
es halt beim nächsten Mal!“
Das
Ziel muss also unbedingt sein, dieses Verliererskript zu entwurzeln
und es durch ein Gewinnerskript oder wenigstens durch ein
Von-Sich-Überzeugt-Sein-Skript zu ersetzen.
„Wahrnehmungslenkung“
heisst das Zauberwort, mit dem ich mittlerweile sehr viel
anfangen kann. Wenn wir es schaffen, unser Bewusstsein regelmässig
mit positiven Sätzen vollzutanken, dringen diese Sätze zwangsläufig
irgendwann auch ins Unterbewusstsein, wo sie nach und nach
die alten (negativen) Sätze ersetzen sollen.
Durch
Meditation, derer wir sehr viel auf dem Seminar lernten, stoßen
wir immer weiter auf die alten negativen Strukturen, sehen
immer mehr ein, wie sehr sie uns im Wege stehen – und können
positiv auf sie eingehen. Und irgendwann passieren dann eben
die Dinge, an die wir glauben.
Wir
bauen uns unsere Realität, was man zum Beispiel daran sieht,
dass ich von einigen Dingen fest überzeugt bin, die auch wirklich
dann so eintreten. Ich hoffe nicht sondern ich weiss, dass
ich Auto fahren kann – und, was ist? Mittlerweile steuere
ich ein Auto durch die Gegend, ohne über den Vorgang des Autofahrens
nachzudenken. Ich hoffe auch nicht, dass ich mit dem Zehn-Finger-System
meine Geschichten, Hausarbeiten oder Seminarberichte schreiben
kann sondern ich weiss es. Und ich kann am PC manchmal schneller
schreiben als reden, auch jetzt noch. Ich laufe, ohne darüber
nachzudenken, und so kann ich im Prinzip auch reden, ohne
darüber nachzudenken.
Das
Problem ist, dass mein Unterbewusstsein irgendwann mal gelernt
hat, dass ich eben nicht fliessend reden kann. Es haben
sich die schon oft angesprochenen Strukturen gebildet, die
sich bei jedem Block bestätigt fühlen, sich dadurch Nahrung
holen, wachsen und gedeihen, neue Knospen kriegen usw. Jeder
Block bestätigt den Satz: „Du kannst nicht flüssig sprechen.“,
daher ist es unglaublich wichtig, keinen Block stehenzulassen.
Auch
das haben wir auf dem Seminar lange geübt. Wir waren angehalten,
uns gegenseitig daran zu erinnern, dass wir nicht den kleinsten
Stolperer so lassen, wie er ist. Immer den Satz noch einmal
sprechen, die Strukturen damit abtöten, am besten für immer.
So
verbrachten wir die fünf Tage, die leider viel zu schnell
vergingen, mit reichlich Atemübungen, mit vielen Gesprächen
und vor allen Dingen mit den verschiedensten Meditationstechniken.
Meditation
ist ein gutes Mittel, um herauszufinden, was überhaupt in
uns los ist, und so führte Hans uns in einige Techniken ein,
die mir allesamt sehr gut gefallen haben. Ich habe endlich
einen guten Zugang zu Meditation erhalten, und auch jetzt
noch meditiere ich zwei- bis dreimal am Tag jeweils 20 Minuten.
Weil es einfach Spaß macht, manchmal habe ich sogar richtige
Glücksmomente. Jetzt schon, nach zwei Wochen.
Die
für mich bewegendste Meditation war allerdings eine, die ich
zu Hause alleine niemals machen würde. Sie hieß Rebirthing,
und war – wie der Name bereits sagt – darauf ausgelegt, möglichst
weit in die Vergangenheit zurückzureisen. Durch Hyperventilieren
brachten wir uns in einen drogenrauschähnlichen Zustand –
Hans sagte, der Effekt sei vergleichbar mit dem von LSD –
und stießen in Räume unseres Unterbewusstseins vor, die ich
persönlich vorher noch nicht sehen konnte.
Ich
weiss nicht, ob ich es mir nur einbildete, aber ich hatte
zumindest das Gefühl (und darauf kommt es ja an), dass ich
mich an meine Taufe zurückerinnern konnte. Davon ausgehend
liess ich meine gesamte Kindheit an mir vorbeiziehen – wie
ich des nachts zwischen meinen Eltern im Bett lag, den Kopf
auf dem starken Arm meines Vaters; wie sehr ich mich fürchtete,
als meine sehr oft nachts arbeitenden Eltern unterwegs waren
und ich auf einmal davon überzeugt war, dass in meinem Schlafzimmer
jemand Böses auf mich warten würde; wie dann auf einmal mein
grosser Bruder seine Hand um mich legte und mir das Gefühl
gab, nicht alleine zu sein; wie dieser grosse Bruder dann
unendlich viele Jahre später von einem Zug angefahren wurde
(aber überlebt hat, was das grösste Glück überhaupt ist!)
und meinem immerhin schon 17jährigen Unterbewusstsein dadurch
suggerierte, doch alleine zu sein...
Wie
dem auch sei, ich wurde sehr traurig, fing an zu weinen –
und war unendlich froh, dass Hans Liebelt in meiner Nähe war.
Er deckte mich mit einer Wolldecke zu, brachte mir Taschentücher,
flüsterte mir warme Worte zu, gab mir das Gefühl, dann doch
wieder nicht ganz alleine zu sein.
Ich
nahm mir vor, meinem Bruder einen Brief zu schreiben, in dem
ich ihm die ganzen Gefühle, die ich während dieser Meditation
ihm gegenüber hatte, aufschreiben wollte. Das ist jetzt zwei
Wochen her, und mittlerweile sehe ich die Sache wieder etwas
nüchterner. Mein Kopf hat sich wieder eingeschaltet, und ich
empfinde es nun als zu kitschig, ihm das mitzuteilen.
Als
dann alle Gefühle draußen waren, fing ich auf einmal an zu
lachen. Ich lachte mir die Seele aus dem Leib, konnte mich
gar nicht mehr beruhigen. Aber es war ein befreites Lachen,
ungezwungen und aus dem Bauch heraus – und das tat gut! Ich
lachte bestimmt eine Viertelstunde, und als Hans uns dann
mitteilte, dass wir allmählich aufwachen und uns die Beine
vertreten könnten, lachte ich immer noch. Ich versuchte dann
aufzustehen, wurde mir aber bewusst, dass es wohl noch sehr
lange dauern würde, bis ich wieder Herr meiner Knochen sein
würde.
Im
Nachhinein bin ich jedenfalls um einiges schlauer, auch was
den Hebel angeht. Denn es kamen drei oder vielleicht vier
Menschen in meinem Rausch vor: meine Eltern, mein Bruder und
ich meine, ich hätte auch meinen längst verstorbenen Opa im
Kopf gehabt. Egal, sie alle haben mich auf jeden Fall richtig
geliebt und lieben mich immer noch. Sie alle hatten schon
immer Einfluss auf mein Unterbewusstsein, und sie alle haben
schon immer versucht, positiv auf mein Stottern einzugehen.
Wie
gesagt, ich bin höchstens Laie, was die Psychologie angeht,
aber ich glaube nicht, dass es falsch ist, wenn ich es folgendermassen
interpretiere: alle Menschen, die mich als kleines Kind geliebt
haben, haben mir besondere Liebe und Aufmerksamkeit zukommen
lassen, weil ich stotterte!
Ich
habe diesen Punkt neulich noch in meiner Selbsthilfegruppe
vorgetragen, worauf gesagt wurde, dass das zwar eine weit
verbreitete Theorie sei, dass sie aber mittlerweile nicht
mehr ganz so angesehen sei. Ich sagte daraufhin, dass ich
ja keine Theorie gefühlt habe sondern meine Gefühle, was ja
ein Unterschied ist! Ich wusste ja auf einmal, was schiefgelaufen
war, nämlich, dass das kleine Kind in mir immer schon gedacht
hat, dass es, wenn es stottert, immer geliebt würde.
Und
dann wurden mir in Windeseile Dinge klar, die mich so schockierten
– unglaublich! Ich begriff, dass ich – während mein Bruder
in seiner Jugend einen Haufen schräger Dinge anstellte und
mir dadurch den Toleranzweg freiboxte – immer der „Jüngste“
war, und die Hoffnung meiner Eltern: der Björn nimmt keine
Drogen, der Björn klaut nicht, der Björn ist gut in der Schule,
zieht sein Abitur durch, der Björn ist einfach nur lieb und
brav und erfolgreich – der Jüngste eben. Und sein Stottern?
Ach, na ja, jeder hat eben sein Kreuz zu tragen. Er schafft
das schon.
Ich
begriff, dass ich durch dieses lieb-und-brav-Sein einen ganz
entscheidenden Punkt versäumt habe: mich aus meiner Kind-Perspektive
zu befreien. Dadurch wurde mir auch klar, warum ich schon
mein ganzes Leben lang ein Punkrocker sein wollte: dagegen
sein! Sich gegen Autoritäten auflehnen! Sein Ding durchziehen!
Ich
wurde dann ja auch, als ich wegem meines Studiums von meinen
Eltern weg und nach Bochum zog, ziemlich heftig – also nicht
mehr der brave Björn sondern dann doch eher der biertrinkende
Rumpöbler mit Irokesenhaarschnitt, der maulstarke Punkrockgitarrist,
der auf der Bühne stehende und schwitzende Rebell, der Systemzerstörer,
der Linksextreme etc.
Ich
war endlich derjenige, der ich immer sein wollte: nicht mehr
der brave Björn. Aber warum zum Teufel fühlte ich mich die
ganze Zeit so beschissen? Ich fühlte mich so beschissen, weil
nicht ich, der erwachsene Björn, so extrem sein wollte, sondern
es war das Kind-Ich, das dieses extreme Verhalten als Schutz
erklärt hatte. Alles passt zusammen: ich – bzw. das Kind in
mir – habe immer noch riesen Probleme mit jeglicher Art von
Autorität – und zwar aus dem Grund, weil die Erzieherin im
Kindergarten damals durchsetzen wollte, dass ich noch nicht
so weit bin, den Kindergarten zu verlassen.
Ich
habe eine Abneigung gegen jede Art von Lehrer, ich hasste
die meisten Lehrer an meiner Schule. Ich erklärte bisher unbewusst
jeden Professor in der Uni zu meinem Feind; selbst wenn ich
eine Hausarbeit schreibe, kriege ich manchmal mit, wie ich
den Vorgang des Schreibens als eine blutige Schlacht ansehe.
Wenn ich in einer Sprechstunde eines Professors, eines Arztes
oder bei wem auch immer bin, erschrecke ich mich manchmal
richtig, wenn sie mir einen schönen Tag wünschen. Denn dann
bekomme ich erstmal mit, dass sie mir nichts Böses wollen
– was aber nichts daran ändert, dass ich in ihrer Gegenwart
die allergrößten Blocks habe.
Auch
jetzt noch, während ich diese Zeilen schreibe und an so eine
Sprechstunde denke, bilden sich schon geistige Blocks und
ich fürchte mich ehrlich gesagt vor der nächsten Sprechstunde;
weiss aber, dass ich das eigentlich nicht müsste und dass
es unbedingt wichtig ist, auch diese Strukturen abzuschalten.
Denn sie stören!
Ich
wusste schon immer, dass ich niemals für länger unter einem
Chef arbeiten könnte, denn ich wäre nach einigen Tagen nervlich
am Ende. Ich kann keine Autoritäten akzeptieren, mit einer
Ausnahme: meine Lehrer im Wing Tsun, meine Sihings („älterer
Bruder-Lehrer“). Denn diese habe ich mir selbst ausgesucht,
ausserdem habe ich ja mit Wing Tsun angefangen, um meinen
Bruder zu beeindrucken. Dieser ist nämlich mittlerweile auch
ein Lehrer im Wing Tsun, und ich bin so stolz auf ihn, wenn
ich ihn in seinem Unterricht sehe.
Ich
verstand in diesen Überlegungen, dass ich immer noch der kleine
Junge meiner Eltern bin, und dass ich, wenn ich am Wochenende
bei ihnen bin, sehr extreme Schlafprobleme habe und mich bei
ihnen überhaupt nicht mehr wohl fühle. Ich weiss jetzt, dass
ich einen grossen Abstand brauche, um mein Kind-Ich in Ruhe
erwachsen werden zu lassen.
Zum
Erwachsenwerden des Kind-Ichs gehört das Abschütteln der Autoritätsprobleme,
das Abschütteln des selbst auferlegten Zwangs, möglichst extrem
zu sein (was ich eigentlich auch gar nicht bin), das Abschütteln
der depressiven Haltung, die ich manchmal an den Tag lege,
wenn ich will, dass sich jemand um mich kümmert – und im Endeffekt
das Abschütteln des Stotterns!!!
Das
ist das Ziel. Und ich müsste auf diesem Weg so einige Dinge
aufgeben, die mein Kind-Ich sich ausgedacht hat, damit es
mir besser geht. Das Dagegensein im Punkrock zum Beispiel
steht dieser Entwicklung im Wege, es sei denn, ich kann es
zu einem Dagegensein im Sinne von „Ich schaffe alles, was
ich mir vorgenommen habe und dabei steht mir niemand im Weg!“
umzumodelieren.
Das
wäre ja was, denn Punk an sich ist immer noch der Himmel auf
Erden für mich. Ausserdem sind ja auch einige Sachen dabei,
die ich aus meinem Erwachsenenbewusstsein immer noch so sehe:
dass das kapitalistische System zum Beispiel irgendwann einmal
die Welt untergehen lassen wird, hat nichts mehr mit der Ansicht
des Kindes in mir zu tun sondern ist eine Ansicht, die ich
mir angelesen habe. Und ich werde als Erwachsener (!) alles
tun, um andere Menschen von dieser Ansicht zu überzeugen.
Um
mal den Bogen zu finden: es war die Tiefenmeditation bei Hans,
die mich auf all diese Gedanken gebracht hat. Hans hat mir
geholfen, diese tiefen Erkenntnisse zu gewinnen – und sie
hinterher auch zu verdauen. Denn natürlich hatten wir die
Gelegenheit, darüber zu reden. Ansonsten wäre ich glaube ich
wieder sehr depressiv geworden, es hätte sich ein Rückstau
gebildet, wie der, der das ganze Theater Anfang 2000 eingeleitet
hat.
Irgendwann
in dieser Woche habe ich mit Hans auch noch über meine mündlichen
Magisterprüfungen gesprochen und ihm gesagt, dass meine Professoren
(diese bösen Professoren!) mir geraten haben, diese mündlichen
Prüfungen am besten schriftlich abzulegen. Ich habe ihm gesagt,
dass ich dazu keine Lust hätte, aber auch genau wüsste, dass
ich mit meinem starken Stottern keine Chance hätte, die Prüfungen
mit einer für mich akzeptablen Note abzulegen. Hans hat mir
daraufhin nach dem Seminar einige positive Sätze per Email
geschickt, die ich mir nun dreimaltäglich vorspreche und die
mir helfen werden, wenn ich sie in einer bildhaften Weise
regelmässig verinnerliche. Da bin ich inzwischen (fast) sicher.
Meine
Gedanken erschöpfen sich langsam. Ich habe das Gefühl, viel
zu wenig wiedergegeben zu haben, was tatsächlich während des
Seminars passiert ist – und viel zu persönlich geworden zu
sein. Aber das ist es ja, was dieses Seminar ausgemacht hat:
das Unterbewusstsein stand die ganze Zeit im Vordergrund,
und all das, was drumherum passierte, war im Prinzip gar nicht
so wichtig.
Ich
kann nicht mehr sagen als das, was ich bereits gesagt habe:
wir haben meditiert, geatmet, uns theoretisch und praktisch
mit dem Unterbewusstsein beschäftigt, unsere Wut rausgelassen
und uns mit positiven Sätzen vollgepumpt.
Ich
weiß, dass ich dranbleiben muss – das ist ja bei jedem Ansatz
dasselbe. Man muss immer weitermachen, auch wenn die Erfolge
anfangs so groß sind. Das hat Hans auch immer wieder betont.
Dennoch, ich bin von Van Riper abgebogen, habe die Autobahn
gewechselt. Hans ist der Wegweiser, der mir gezeigt hat, dass
ich die seit fünf Jahren gesperrte Van Riper – Autobahn umfahren
kann.
Ich
stehe nun in regelmässigem Kontakt mit Hans, und auch Roland
Pauli ruft mich des öfteren an. Ich glaube, dass ich, wenn
ich so weitermache, irgendwann das Kind in mir großgezogen
haben werde – und dann in den meisten Situationen beständig
flüssig reden kann. Wie schon jetzt seit drei Wochen. Im April
werde ich das nächste Stotterer-Training zumindest tageweise
wieder mitmachen. Damit es weiterhin bergauf geht.
Und
ich habe ein neues Motto: Stay yourself, not punk!
Danke!
In
diesem Sinne,
Bloody Björn Germek.
Hier
finden Sie Björns zweiten Erfahrungsbericht eineinhalb
Jahre später.
zurück
zum Seitenanfang
|